Ein paar niedergeschriebene Gedanken während des einwöchigen Aufenthaltes in der Lungenklinik Elgershausen bei Greifenstein.


Ich sitze am Fenster und schaue auf einen großen alten Kastanienbaum, seine grün-gelb schimmernden Früchte umhüllt von einer dicken stacheligen Haut wirken wie eine Last die er bald abzuwerfen drohe, im oberen Teil sehe ich einen kleinen zierlichen bunten Vogel. Aufgeregt springt er hin und her und man hört sein liebliches Tirili. Tirili, Tirili – will er mir ein Ständchen bringen oder will er mir was erzählen.
Die Sonne steht seitlich und zwingt mich meine Augen für eine kurze Zeit zu schließen, plötzlich wird aus dem so zierlichen, feinen Tirili ein Schwall von Worten die erst fremd und zunehmend deutlicher wurden.
Warum hatte ich das noch nie gehört – ........das Klagelied eines kleinen Vogels.



Es war schon ein schweres schaffen, bis ich meine Eierschale rundherum aufgepickt hatte und mein Köpfchen durch das Federkleid meiner Mama steckte.
Mama, Mama piepste ich ganz leise und sie lächelte mir so lieb in Gesicht.
Mein Papa ein paar Äste weiter vollführte einen Freudentanz.
Meine Mama erhob sich ein wenig und oh Schreck; Sie warf meine Schale die bisher mein Zuhause war aus dem Nest.
Ich fragte, wo ich jetzt bleiben sollte und sie sagte mit süßer zärtlicher Stimme: erst mal hier mit mir und deinen vier Geschwistern in diesem herrlichen Nest was wir für euch gebaut haben.
Geschwister----- Geschwister piepste ich fragend.
Ja da waren ja noch vier Eier aus denen es von innen klopfte. Schöne Tage waren es die wir fröhlich im Nest verbrachten. Mama und Papa wechselten sich ständig ab im Essen holen und uns zu wärmen, wenn es Abends etwas kühler wurde.
Plötzlich ein Luft zerreisender Lärm- unser Baum fing an zu schwanken worauf er gleich darauf mit all seiner kraft auf dem Boden aufschlug.
Mama und Papa schrien noch; fliegt Kinder, fliegt aber wir konnten es ja noch nicht. Mama schrie dann noch ein paar Sekunden später Kinder kommt da raus,
Versteckt euch hier drüben, kommt doch. Ich sah mich um und suchte in der Runde meine Geschwister 1, 2, 3, und ich waren doch nur vier, wo war meine jüngste Schwester – auf dem Boden lag sie und ein Ast auf ihr
Stimmen die uns Angst machten erzählten was von einem guten Baum für Zahnstocher.
Dafür musste meine erste Schwester sterben.

Ich öffnete meine Augen und ich sah den kleinen zierlichen bunten Vogel der mich mit leicht zur Seite geneigten Kopf anschaut, Tirili, Tirili,....... erschrocken zuckte ich etwas zusammen.
War alles nur ein Traum? Was sollte ich glauben es klang alles so echt.
Ich schloss meine Augen und aus dem Tirili wurden wieder Worte.

So saßen wir vier Geschwister mit der Mama unter einem Busch wobei der Papa sehr oft aufgeregt hin und her flog. Mama erklärte uns das es jetzt ganz wichtig wäre das fliegen zu lernen da am Boden das leben ganz gefährlich sein könnte. Stunde um Stunde, Tag für Tag übten wir und versteckten uns unter dem Busch, wenn Papa uns aufgeregt erklärte das Gefahr im kommen sei.
Immer weiter schafften wir es uns vom Boden abzuheben und dahin zu schweben. Was hat mein Herzchen dabei immer so wild gepocht.
Mitten an einen so schönen, spielenden und lernenden Nachmittag hörten wir dann mal wieder Papas Worte: schnell, schnell versteckt euch Gefahr – wir sahen noch den Zottigen Vierbeiner und sein Herrchen das mit lustiger Stimme sagte; fass, Hasso, fass.
Wir sahen noch wie der Vierbeiner unseren etwas Tollpatschichen Bruder biss so das alle Federn flogen. Sein piepsendes Lebewohl klinkt noch heute in meinen Ohren. Dafür musste
mein lieber Bruder sterben – fass – ..........gesprochen von einem Menschen.



Ich möchte meine Augen nicht öffnen, aus Angst dem kleinen bunten Vogel in die seinen schauen zu müssen. Da war es Tirili, Tirili. Ich habe doch keine Angst, ..... und öffne meine Augen
Und als ob er meine Gedanken lesen könnte zeigt er mir mit seinen kleinen Augen einen Anschein von lächeln aber auch das feuchte in seinen Augen sah ich und überlegte mir wie schwer es sein musste zu lächeln, wenn man innerlich doch weint.
Ein feuchter Druck auf meine Augen ließ diese sich wieder schließen und ich vernahm das Tirili das zu Worten wurde.

Wir konnten jetzt fast so gut fliegen wie Mama und Papa was uns den Gedanken gab; es könnte doch nichts mehr passieren. Bei Gefahr einfach weg fliegen, was wir auch schon so oft mussten. Weit gefehlt, denn ich bin noch allein auf dieser Welt von meiner Familie.
Papa wurde einfach von einem Päng getroffen, wo er danach leblos am Boden liegen blieb.
Ein Zweibeiner laut und lustig rief: getroffen, getroffen.
Meine andere Schwester flog zu nah an eine so großen Windmühle die für die Zweibeiner Strom macht und hat dann irgendwie ihre Sinne verloren und gegen eine Mauer geflogen.
Ich flog zu ihr hin, das Blut ran aus ihrem Schnabel, sie konnte nicht mehr sprechen.
Das Wasser und die Körner die ich ihr brachte wollte sie nicht. Nach Stunden von Quälendem Schmerz erlosch ihr immer so strahlender Blick.



Tirili, Tirili
Eine Träne auf meiner Wange kitzelte mich wach, mir war so Elend zu Mude.
Wir schauten uns an und die Frage nach der Mama und nach dem letzten seiner Geschwister,
Was geschehen sei durchschoss meine Gedanken.

In der Stadt der Zweibeiner gab es einen hohen spitzen Turm, wo mit so großen Metallhauben verschiedene sehr laute Töne erzeugt wurde. Unterhalb davon war ein großer Platz wo sehr viel Bewegung war.
Tauben flogen immer zu den Zweibeinern runter und pickten fleißig auf was ihnen diese hinwarfen, immer darauf bedacht keinen unter die Füße zu kommen.
Eines Tages kamen zwei, die so herrliches schmackhaftes Fressen auf den Platz warfen.
Alle Tauben aber auch andere Vögel hatten, soviel noch nie, je auf einen Haufen gesehen.
Auch wir verloren immer mehr die Angst und fraßen so lange, bis alles weg war.
Es hatte den Anschein das man uns doch gar nix böses wollte bis zu einen schrecklichen Morgen.
Ich hatte ein vom Regen getränktes Stück Brötchen gefunden was ganz lecker schmeckte.
Mama und mein letzter Bruder drängten mich schon, mit zu fliegen zu den leckeren Körnern die es gleich auf dem Platz gäbe.
Ich hatte einfach schon so viel gefressen das ich auf einer hohen Mauer am Platz sitzen blieb.
Die vielen Tauben sowie auch Mama und mein Bruder labten sich am Meer der Körner als plötzlich vom Boden Rauch aufstieg. Die Zweibeiner hatten irgend etwas vor Mund und Nase sitzen. Alle Tauben und Vögel die gerade noch fröhlich fraßen und jeder auf seine Art mit unterschiedlichen Stimmen den Zweibeinern danke sagten, fielen plötzlich alle Leblos zu Boden.
Den Anblick des Totes kannte ich schon.
In zwei große schwarze Säcke wurden dann alle rein geschmissen und ich hörte die Worte:
Das hat sich aber dieses mal gelohnt, verdammtes Ungeziefer.......................



Ich kehrte der Stadt den Rücken und flog ziellos in verschiedene Richtungen. Als ich das große Haus hier mitten im Wald, mit so vielen Futterplätzen den Teich,  den Pferden, und sah wie Zweibeiner und Enten, Fischen und Rehe in friedlicher Eintracht lebten, machte ich Rast. Sogar die sehr scheuen Eichhörnchen trauten sich ganz nah und bekamen Futter.
Tagelang beobachtete ich alles und merkte das keiner den anderen was böses wollte.
War das dass Paradies??

Erst jetzt bemerkte ich das ich hell wach war und ein klar verständiges Gespräch mit dem kleinen bunten Vogel führte. .......Nein das muss ein Traum, obwohl alles was mich umgab sehr realistisch war und normal bewegte. Gespräche und schlürfende Schritte Alter und Kranker Menschen. Vögel aller Arten deren gezwitscher deutlich zu hören war.
Der kleine bunte Vogel sagte das er noch ein bisschen rum fliegen wolle und sich gerne wieder auf ein Gespräch mit mir freuen würde, wenn es mir recht wäre.
Er kam dann Tag für Tag zurück und wir sprachen über alles was uns gerade in den Sinn kam, wobei aus seinem Sitzplatz auf der alten Kastanie ein Sitzplatz auf meinem Fensterbrett wurde, wo ich immer etwas leckeres zum Fressen hinlegte. Er bedankte sich mit zartem Gesang und unsere Freundschaft wurde immer inniger. Wir verstanden uns teilweise ohne vieler Worte.

Bis auf einen Morgens er ganz erschrocken vor meinem Fenster hin und her flog und immer wieder wie wild schrie: Du bist auch ein böser Mensch, da merkte ich das ich noch meine Beatmungsmaske von der Nacht auf hatte.
Oje, Mutter und Bruder schoss es mir durch den Kopf - der große Platz in der Stadt.
Eilig öffnete ich den Verschluss meiner Maske und legte diese auf den Nachttisch.
Es war schwer meinen kleinen Freund zu beruhigen und zu erklären für was ich diese brauchte.                                                  Wie krank ich war hatte ich ihm ja noch gar nicht erzählt.
Ohne mich zu unterbrechen hörte er mir ganz geduldig und aufmerksam zu.
Als ich fertig war schaute ich in zwei kleine traurige Augen. Ich merkte er konnte nicht sprechen so nah ging es ihm. Er drehte sich einfach um und flog davon.

Es vergingen drei Tage, bevor er zu mir zurück kehren sollte. Auch zu den gewohnten Zeiten,
wo ich das Futter auf die Fensterbank legte kamen nur seine Artgenossen und bedankten sich auch lautstark dafür aber das Tirili, das mir so vertraut geworden, war nicht dabei.
Ich saß am weit geöffneten Fenster und schaute über die Wipfel des Waldes. Wo warst du mein kleiner Freund. Wann kommst du wieder zu mir? Noch während mich der Gedanke durchströmte nahm mein kleiner Freund Anflug auf den alten Kastanienbaum.

Hoppla mein Freund, hast du vielleicht etwas zu viel Alkohol getrunken scherzte ich, erfreut das er wieder da war.
Er kam schwerfällig und taumelnd auf die Fensterbank geflattert und konnte sich wahrlich kaum auf seinen zwei dünnen Beinchen halten. Jetzt wo er mir so nah saß sah ich seine trüben Augen und aus den Nasenhöhlen oberhalb des Schnabels schimmerte es feucht-grün.
Ich fragte erregt was geschehen sei und mein Freund erzählte mir das er über das was ich ihm erzählte erst mal nachdenken musste und dabei allein sein wollte. Er wollte nicht verstehen, Wissen und begreifen das man einen Freund, nach so einer kurzen Zeit wieder verlieren könnte.
Das er bei dem großen Kegel war, wo die dicken Wasserwolken in den Himmel steigen da dort eine wunderbare Luftströmung war und herrlich zum fliegen. Er dann Durst hatte und direkt unter ihm warmes Wasser aus der Leitung kam. Nicht all zu weit lagen auch sehr viele Körner rum die zwar rote Farbe hatten aber lecker schmeckten.
Mir war klar das nur eins davon gereicht hätte diesen zustand zu bewirken...........


Er flog zurück auf den Kastanienbaum da er auf einem Ast einen besseren halt hatte als auf diesem rutschigen Aluminium-Fensterbrett. Dort saß er fast wie erstarrt, ab und an blinzelte er zu mir herüber.
Es folgte eine Nacht der Hoffnung und des Bangen. Wartend auf den ersten Sonnenstrahl
Der den erkennenden Blick zu meinem kleinen Freund freigab.
Da saß er noch und je heller es wurde, um so deutlicher sah ich seinen Quälenden Schmerz in seine Augen die sich nur schwer öffneten.
Ein, in meiner Brust zerreisender Schmerz durchzog mich als ich seine so leise, unter Qualen gepiepsten Worte vernahm.
Lebe Wohl mein großer Freund, wir werden uns wiedersehen.

Er schloss seine Augen und ich sah wie er im Geräusch der Blätter zu Boden fiel.
Im innersten angetrieben, die Augen und meine Seele voller Tränen, stieg ich mit Hilfe eines Stuhles auf das Fensterbrett.
Nur einen halben Meter von ihm kam ich zum liegen. Meine Fingerspitzen schafften es noch seine Flügelspitzen zu berühren.
Lass uns zusammen gehen, in eine Neue bessere Welt.
Zwei paar gebrochene Augen schauten sich lächelnd an.
Im Gleichklang des Morgenwindes flogen wir gemeinsam über die Wipfel des Waldes der Sonne entgegen.


Wir kommen wieder – sollte mein kleiner freund vielleicht als Mensch geboren, so möchte ich ja all zu gerne sein kleiner bunter Vogel sein.

P.P.

Waldhof/Elgershausen September 2010